MEMRI Special Dispatch - 21. September 2004

Al-Ahram weekly über Michel Moores Film Fahrenheit 9/11

Die Autorin Amira Howeidy konstatiert in ihrer Besprechung von Fahrenheit 9/11 in der Al-Ahram Weekly, dass die Araber und Michael Moore die Politik Bushs aus sehr unterschiedlichen Gründen ablehnen. Obwohl Howeidy die Dokumentation sehr fesselnd und geistreich findet, kritisiert sie unter anderem, dass Moore die wirklich Betroffenen - sowohl in der Region als auch in den USA selbst - völlig unter den Tisch fallen lässt. Wir dokumentieren Auszüge ihres Artikels aus der Ausgabe vom 2.-8. September 2004:

"Und wo bleiben die Araber?"

"Endlich wird auch in unseren Kinos die umstrittene Dokumentation Fahrenheit 9/11 von Michael Moore gezeigt. Nachdem der Film in mehreren arabischen Ländern verboten wurde, haben wenige erwartet, dass die ägyptischen Behörden die Anti-Bush und Antikriegs-Hetze zulassen würden, die sich über weite Strecken auf die saudische Königsfamilie konzentriert. Aber sie erlaubten den Film. Darüber hinaus wurde die Veröffentlichung von einer Werbekampagne begleitet, die für einen ausländischen Film beispiellos war. [...]

Natürlich ist Michael Moore nicht irgendein Dokumentarfilmer. Der Streit um seine berühmte Rede "Shame on you, Mr. Bush!" auf der Oscarverleihung im letzten Jahr brachte ihm in der arabischen Welt viele Fans.

Begeistert von dem seltenen Anblick eines Anti-Bush-Aktivisten im kulturellen und kommerziellen Herzen Amerikas veröffentlichten zahllose arabische und ägyptische Zeitungen ein Foto von ihm auf der Titelseite, während sich die Schlagzeilen auf seine politischen Aussagen konzentrierten. Allerdings wurde Bowling for Columbine, der Film, für den er den Oscar erhielt, nur kurz erwähnt.

Sogar die Al-Ahram Weekly war nicht immun gegenüber dem Moore-Fieber: Als er im Mai auf den Filmfestspielen in Cannes die Goldene Palme erhielt, feierten wir, indem wir auf der Titelseite ein Foto mit Fans von ihm abdruckten, auf dem sie ein Plakat "Moore for President!" hoch hielten (Al-Ahram Weekly 20-26 Mai).[...]

Doch es ist sein Anti-Kriegs-Aufruf, der ihm die Herzen und Sympathien vieler Menschen in dieser Region eingebracht hat. Und je mehr er von der amerikanischen Rechten angegriffen wurde, desto mehr wird er hier bewundert. Es ist also kein Wunder, dass die Kontroversen über seinen letzten Film, die Schwierigkeiten für Moore, in den USA einen Verleger zu finden, die Kritik des Weißen Hauses an der Dokumentation und die Entscheidung, den Film in Saudi-Arabien und Kuwait zu verbieten, Fahrenheit 9/11 zu einem Muß für viele Araber gemacht haben, die sich so direkt von dem Krieg, den Moore so leidenschaftlich kritisiert, betroffen fühlen. [...]

Fahrenheit 9/11 konzentriert sich auf ein Argument: Wenn Bush nicht gewesen wäre, hätte es den 11. September vermutlich nicht gegeben. Man wäre nicht in den Irak einmarschiert und das US-Militär hätte weiterhin seine traditionelle Rolle als Schutzmacht der Freiheit spielen können. Moore argumentiert, dass die gemeinsamen Wirtschaftsinteressen der Bush-Regierung und der Saudis die Regierung dazu brachten, die Interessen des amerikanischen Volkes zu kompromittieren. So fragt Moore an einer Stelle: "Ist es unanständig, wenn ich frage, ob es sein kann, dass den Bushs die Saudis mehr am Herzen liegen als die amerikanische Bevölkerung?". Und im weiteren zeigt er, dass Bush während und nach der ganzen Krise mit Prinz Bandar Bin Sultan, dem saudischen Botschafter in den USA, dinierte, sogar "obwohl" bin Laden ein Saudi ist, der 11. September durch saudisches Geld finanziert wurde und die Mehrheit der Flugzeugentführer Saudis waren. [...]

Sehr wenige in der arabischen Welt, am wenigsten die Ägypter, empfinden große Sympathie oder Bewunderung für die saudische Petrodollar-Kultur. Auch ist die saudische Königsfamilie weder innerhalb noch außerhalb des Königreichs besonders beliebt. Aber Moores Behauptung, dass die Saudis einen außerordentlichen und unverhältnismäßigen Einfluss auf die einzige Supermacht der Welt ausüben, kann man nur als sehr übertrieben, wenn nicht sogar ein wenig rassistisch ansehen. [...]

Während seiner Recherchen über die amerikanisch-saudischen Interessen muss Moore auf reichlich Hinweise gestoßen sein, die zeigen, dass es der Einfluss der USA auf die Saudis war, der die Interessen Amerikas in der Region garantierte und darüber hinaus für Jahrzehnte sicherte. Es ist kein Geheimnis, dass die USA die Saudis benutzten, um Regime in Lateinamerika und Afrika zu stürzen und um den Ölpreis zu kontrollieren. Da das Thema des ausländischen Einflusses auf die amerikanische Außenpolitik so im Zentrum des Films steht, muss man sich die Frage stellen, warum die Macht der prozionistischen Lobby an keiner Stelle erwähnt wird.

Moore blendete die Tatsache aus, dass die CIA Bin Laden während des Kalten Krieges finanziell unterstützte und ihn ermutigte, Mujahedin in Afghanistan zu rekrutieren. Stattdessen stellt er die nüchterne Frage, warum es einem Vertreter der Taliban 1997 erlaubt wurde, Texas zu besuchen, um "das Image seines Landes zu verbessern". Zu einer Zeit, in der Bush in Texas Gouverneur war (aber Clinton Präsident) und dass, obwohl die USA wussten, dass Afghanistan Bin Laden zu dieser Zeit Unterschlupf bot.

Sein Argument führt schließlich zu dem Krieg gegen Afghanistan, bei dem es laut Moore hauptsächlich darum ging, eine Pipeline zu sichern, die Gas vom Kaspischen Becken zum Meer transportieren sollte.

Dies mag erklären, warum die USA nicht wirklich daran interessiert waren, Bin Laden zu fangen oder al-Qaida zu zerschlagen. Die Dokumentation beendet dieses Kapitel mit der Behauptung, dass es den Taliban und bin Laden gestattet wurde, zu entkommen. Aber aussagekräftiger als die "Enthüllungen" ist die Auslassung [von Fakten] in dieser Filmsequenz. So werden die zivilen afghanischen Opfer, die auf 3500 geschätzt werden, nicht erwähnt. Ebenso wenig geht Moore auf die große Auseinandersetzung über die Haft tausender mutmaßlicher Al-Qaida-Mitglieder in Guantanamo Bay ein, wo ihnen der Status von Kriegsgefangenen abgesprochen wurde, um sie ihrer Rechte, die ihnen nach Internationalem Recht zustehen, zu berauben.

Er spottet über Bush, der sich zwar selbst als Kriegspräsident tituliert, obwohl er laut Moore in Afghanistan nicht sonderlich kriegerisch war. Korrekterweise behauptet der Film, dass die Bush-Administration viel mehr einen Krieg gegen die amerikanische Bevölkerung selbst begann, in dem die Hauptwaffe Angst war. Moore läuft zur Höchstform auf, wenn er die Paranoia der McCarthy-Ära mit der Beharrlichkeit der derzeitigen Regierung, das eigene Volk zu terrorisieren, vergleicht. So wird gezeigt, wie eine amerikanische Mutter gezwungen wird, ihre eigene Milch, die sie für ihr Kind in eine Flasche abgefüllt hatte, zu trinken, weil der Sicherheitsdienst eines inländischen Flugs den Verdacht hatte, die Milch sei etwas anderes. Wir sehen einen Mann, der Freunden gegenüber in einem Fitness-Studio Bush als einen Terroristen bezeichnet und der daraufhin vom FBI über seine politischen Ansichten ausgefragt wird.

Dies sind in der Tat faszinierende Beispiele. Aber schockierend ist, dass Moore die eigentlichen Opfer des Patriot Act und des Anti-Terror-Gesetzes ausblendet: alle aus dem Nahen Osten kommenden Menschen, die sich gerade in den USA aufhielten und die Arabisch-Amerikanische Gemeinschaft selbst. Noch lange nach dem 11. September litten die Araber unter Inhaftierungen, Verhören, Verdächtigungen, Hass und rassistischen und ethnischen ,Zuschreibungen'. Sie lebten in einem Klima, in dem Angst real und nicht eingebildet war. Als sich die Führer der arabischen und muslimischen Gemeinden dann darüber beschwerten, wurde die USA von einer Welle der antimuslimischen Intoleranz überschwemmt. Das Ausmaß der Angriffe auf Araber und Muslime im Westen war überwältigend. Wir, die wir all dies wissen, können nicht verstehen, wie es sich der Aufmerksamkeit Moores entziehen konnte.

Unklar bleibt, ob Moore diese offensichtliche Realität absichtlich nicht miteinbezogen hat, weil seine antisaudischen Gefühle nur Teil seiner allgemein antiarabischen Haltung sind oder ob die Auslassung nur ein Zeichen von Ignoranz ist. In der Tat behaupten viele von Moores Kritikern, dass seine Stärke in [der Kritik] nationaler Themen liegt, seine Kenntnisse über die amerikanische Außenpolitik sich nicht von denen eines Durchschnittsamerikaners unterscheidet.

Man könnte argumentieren, dass Fahrenheit 9/11 für ein amerikanisches Publikum gemacht wurde und man sollte nicht notwendigerweise davon ausgehen, dass die Amerikaner aus den gleichen Gründen wie wir gegen den Krieg sind. Das Argument ist zwar richtig übersieht aber eine entscheidende Tatsache: Die Kriege gegen Afghanistan und den Irak, zusammen mit der israelischen Besetzung Palästinas (die die Dokumentation [vollkommen] ignoriert), treffen hauptsächlich uns - die Araber. Hier verloren Unschuldige ihr Leben und hier wurde durch amerikanische Waffen zur Sicherung amerikanischer Interessen Blut vergossen.

Diese Art der Gewalt ist nicht das exklusive Vorrecht von George W. Bush, auch wenn Moore es so darstellt. Er verschweigt, dass das ganze neokonservative Team innerhalb der jetzigen

Administration, den Irakkrieg seit dem Ende des Ersten Golfkriegs geplant hat. Er ignoriert die Jahrzehnte, in denen die USA despotische Regime in der arabischen Welt unterstützt haben - und zwar vor allem Israel.

Dies heißt nicht, dass Fahrenheit 9/11 nicht eine geistreiche, fesselnde und sehr interessante Dokumentation wäre. Aber nachdem wir sie gesehen haben, wissen wir, dass die Araber und Moore aus sehr unterschiedlichen Gründen gegen Bush sind."

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