
MEMRI Special Dispatch, 27. Februar 2004
Interview mit der ersten Moderatorin des offiziellen saudischen Fernsehens (I)Angekündigt als "Erstes Interview mit der ersten saudischen Moderatorin im ersten offiziellen saudischen Nachrichtenkanal" veröffentlichte die ägyptische Wochenzeitung Ruz Al-Yussuf ein Interview und einen Bericht über Buthaina Al-Nasr, die erste Moderatorin im saudischen Fernsehen. Als Vorspann zum Interview hob die Redaktion der Zeitschrift die folgenden Zitate von Buthaina Al-Nasr hervor:
"Diejenigen, die mich angreifen, bezeichnen mich als ´Schiitin´, die die Frauen verderben wolle." "Diejenigen, die gegen saudische Frauen in den Medien sind, haben Angst vor Konkurrenz."
"Der Sender soll ein Bild von Saudi-Arabien zeigen, das die Angriffe aus dem Westen entkräftet."
Der Text, den wir in zwei Teilen wiedergeben, erschien in der Ruz Al-Yussuf vom 30.Januar 2004:
"Ich trage das Kopftuch nur auf dem Bildschirm"
"Ist der Auftritt von Buthaina al-Nasr, der ersten saudischen Moderatorin in einem staatlichen Fernsehkanal ihres Landes, dem "Achbariya"-Nachrichtenkanal - Mittel oder Zweck?! Eine Frage, die sich den Medien und der Allgemeinheit in allen arabischen Ländern geradezu aufdrängt und sie in eine Mehrheit von Befürwortern und eine ablehnende Minderheit teilt. Doch im Zuge der vielen Versuche, eine Antwort auf diese Frage zu finden, verkündeten die westlichen Medien noch vor den arabischen ihre Sicht der Dinge - und dies in einem Moment, den man als historisch für die zukünftige Entwicklung Saudi-Arabiens bezeichnen könnte. Merkwürdig allerdings, dass sie sich dabei nicht um die [Programm]inhalte und die Perspektiven des Senders kümmerten, sondern sich vielmehr für die Kleidung der Sprecherin und ihren Stil interessierten. Ruz Al-Yussuf führte das erste Gespräch mit der ersten saudischen Moderatorin des ersten offiziellen Nachrichtensenders.
Ruz Al-Yussuf: Der positiven Resonanz auf Ihren Auftritt standen auch wütende Reaktionen gegenüber!
Buthaina Al-Nasr: Ja, die Reaktionen von offiziellen Kreisen im Königreich und die internationale Resonanz fielen positiv aus. Auf der anderen Seite war ich überrascht von Positionen zum Beispiel im Internet, in denen ich heftig angegriffen und als ´Schiitin´ bezeichnet wurde, die versuchen würde, ´unsere saudischen Frauen zu verderben´! . Sie konnten keinen anderen Fehler finden, als den, dass ich eine schiitische Muslimin bin. Sie versuchten auf diese Weise konfessionelle Spannungen zu provozieren. Aber in der saudischen Gesellschaft existiert in diesem Punkt heute ein starkes Bewusstsein und so wiesen die gemäßigten und liberalen Strömungen im Königreich solche Angriffe zurück und standen auf meiner Seite.
Welche ´roten Linien´ dürfen Sie in Ihrer Arbeit nicht überschreiten?
Meine erste Frage an die Verantwortlichen lautete: Wo liegen meine Grenzen? Und die Antwort war: Es sind die Grenzen, an die Du Dich auch sonst als Frau halten musst. Uns wurde gesagt, dass der Sender kein Sprachrohr für die offizielle Linie, sondern - anders als sich einige das wohl vorstellen - freimütig, offen und realitätsnah sein soll. Dieser Sender will Konkurrenz und das heißt, dass Transparenz einen hohen Stellenwert hat. Nachdem ich auf Sendung einmal eine Reihe mutiger Fragen gestellt hatte, hatte ich zunächst Angst, war dann aber überrascht, als der Direktor des Senders im Studio Beifall klatschte.
Ist das nun der Anfang einer Öffnung oder doch nur ein Experiment, eine Reaktion mit möglicherweise zeitlich sehr begrenzten Zielen?
Ich denke, dass dieser Versuch fortgesetzt und erfolgreich sein wird und nicht nur eine Reaktion [auf äußeren Druck] darstellt. Denn in der saudischen Gesellschaft gibt es eine echte Reformkampagne auf Wunsch und nach dem Glauben der höchsten Verantwortlichen bishin zum kleinsten Bürger. Wir werden es nicht zulassen, dass andere aus der Ferne falsche Urteile über uns fällen. Es besteht ein starkes Vertrauen der Bevölkerung in den Regenten - und das ist gut so. Alle Anzeichen sprechen dafür, dass eine weitreichende Öffnung im Gang ist. Im Wirtschaftsklub von Jidda traf ich vor einigen Tagen eine Reihe von Mädchen aus der Oberschule, die sehr gerne in den Medien arbeiten würden und sich über meinen Schritt freuen. Das heißt, dass ich das Vertrauen der Gesellschaft gewonnen habe. Ganz anders als früher - da haben wir nämlich nach Frauen gesucht, die in den Medien arbeiten sollten und konnten keine finden.
Aber es gibt viele saudische Mädchen und Frauen, die das Erscheinen [von Frauen] in den Medien gänzlich ablehnen. Ihre übereinstimmende Begründung dafür lautet, dass - während sie [selbst] aus angesehenen Familien stammen - die Frauen auf dem Bildschirm nicht zu einer großen Familie gehören.... Bekommen Sie diese Diskriminierung zu spüren?
Leider gibt es das. Aber diejenigen Frauen, die eine solche Ansicht vertreten, leben in einem gesellschaftlichen Zwiespalt und denken sehr oberflächlich, denn die Realität zeigt, dass Frauen aus angesehenen Familien durchaus in den Medien präsent sind. Einige von ihnen erscheinen sogar vor der Kamera. Wie zum Beispiel Selwa al-Hisa´, die eine Tochter aus angesehenem Hause ist und aus Al-Qaseem, der religiös konservativsten Region von Saudi-Arabien stammt. Aber sie gab ihrem Vater und ihrem Ehemann zu verstehen, dass sie vor die Kameras treten und sich auf diese Weise auszeichnen könne. Und es gibt andere wie Dr. Therya al-`Arid und Dr. Haifa´ Jamal al-Lail usw.
Heißt dies, dass die Gegenstimmen verstummen oder sich zurückziehen werden?
Widerstand gibt es immer. Aber ja, ich denke, dass die gegnerischen Stimmen verstummen werden, denn dieser Vorstoß wird sich durchsetzen. Die Stimmen, die sich dagegen aussprechen, haben Angst oder lehnen den Wandel an sich ab. Andere fürchten, dass Frauen ihnen Konkurrenz machen könnten, weil sie die Kraft von Frauen in Kultur und Wissenschaft, ihre Fähigkeiten und ihren Wunsch nach überragenden Leistungen und Selbstbestätigung kennen. Und was die einzelnen Regionen im Königreich betrifft, so unterscheiden sie sich alle voneinander. Da sind einige, die von falschen Vorstellungen beeinflusst sind, die nichts mit dem islamischen Recht zu tun haben. Wir werden versuchen, mit unseren Sendungen den Unterschied aufzuzeigen zwischen den ursprünglichen Bräuchen und solchen Elementen, die in die Gesellschaft und auch in den Islam eingedrungen sind. So bevorzugt der Islam den Mann eben nicht gegenüber der Frau. Vielmehr existiert ein Gleichgewicht zwischen Rechten und Pflichten.
Gab es bestimmte Bekleidungsinstruktionen für den Auftritt vor den Kameras?
Alle wissen, dass ich in meinem Privatleben kein Kopftuch [hijab] trage. Auf dem Bildschirm jedoch repräsentiere ich die Identität der saudischen Frau - und die muss dort auch respektiert werden. Deshalb trage ich ´das Tuch´ [die Schärpe/ischarb]. Das Tragen eines ganzen Umhangs [´abaa] zum Beispiel ist aber keine Bedingung.
Wird der Nachrichtensender denn Auslandskorrespondentinnen ohne Kopfbedeckung zulassen?
Natürlich gibt es Korrespondentinnen - und die müssen kein Kopftuch tragen. Wichtig ist ihre journalistische Kompetenz.
Sie waren ja die erste saudische Nachrichtenkorrespondentin. Wie haben sie begonnen, das journalistische Feld zu erobern?
Bereits während meines Wirtschaftsstudiums träumte ich davon, im Medienbereich zu arbeiten. 1998 wurde ich dann tatsächlich Nachrichtenkorrespondentin für den Sender MBC. Ich arbeitete drei Jahre lang als Reporterin und wurde dann Ansagerin. [.] Danach arbeitete ich anderthalb Jahre im Entwicklungsprogramm der UNO. Weil ich aber weiter im Medienbereich arbeiten wollte, ging ich zum Sender ART und präsentierte dort die erste Sendung ihrer Art in der arabischen Welt, "Al-Haudaj" ["Die Sänfte"]. Ich lud in der Sendung saudische Frauen als Gäste ein, die sich in verschiedensten Bereichen ausgezeichnet hatten. Diese Sendung zeigte die Leistungen von saudischen Frauen und die meisten von ihnen erschienen ohne den Umhang. Außerdem berichtete ich über die Männer, die hinter diesen Frauen stehen, denn jede herausragende Frau wird von einem Mann unterstützt, ob es nun ihr Vater, der Bruder oder der Ehemann ist.
Das Programm, das Sie jetzt auf dem Nachrichtenkanal präsentieren, ist ebenfalls eine Frauensendung. Wollen Sie sich ausschließlich auf Frauenthemen spezialiseren?
Tatasächlich dreht sich die Sendung um Ereignisse in der Welt und den arabischen Ländern, die Frauen betreffen. Es ist eine Livesendung mit Interviews mit einzelnen Frauen oder dem Publikum. Das heißt aber nicht, dass ich mich allein auf den Frauenbereich spezialisiere. Vielmehr möchte ich an Kulturprogrammen mit Unterhaltungscharakter arbeiten - zusätzlich zu den Sendungen mit politischen und informativen Gesprächen.
Denken Sie, dass saudische Frauen den Männern bei der Fernsehmoderation Konkurrenz machen können?
Wir werden es versuchen, denn wir haben den starken Wunsch zu lernen und voranzukommen."
(Teil II des Artikels aus Ruz Al-Yussuf folgt)
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