Quelle : MEMRI Special Dispatch, 6. Februar 2004

Al-Quds: Die Araber aus japanischer Sicht

Der liberale Kolumnist und Vorsitzende des kuwaitischen Kultusministeriums, Muhammad Al-Rumayhi, veröffentlichte kürzlich eine Besprechung des Buches "Die Araber: Eine japanische Sichtweise". In diesem in arabischer Sprache herausgegebenen Buch kritisiert der japanische Wissenschaftler Nobuaki Notohara Unterdrückung und den Mangel an Selbstkritik in der arabischen Welt. Al-Rumayhi preist das Buch als Pflichtlektüre für jeden, der an Reformen in der arabischen Welt interessiert ist. Wir dokumentieren Auszüge aus Al-Rumayhis Artikel, der in der palästinensischen Zeitung Al-Quds am 8.Januar 2004 erschienen ist:

"Was denken die Japaner von den Arabern?"

"Immer wenn sich Araber auf einer wissenschaftlichen oder kulturellen Konferenz treffen und die Rede auf Japan kommt, vergleichen die meisten Teilnehmer den erfolgreichen Aufstieg [arab. nahda/Renaissance] Japans mit dem nur ersehnten Aufschwung der Araber. Es heißt dann, dass Japan in der Moderne ankommen und gleichzeitig seine Gesellschaftskultur bewahren konnte! Offenbar ist dies die gängige Einschätzung unter den arabischen Beobachtern, denen sie als Apologie oder Rechtfertigung dient, die darauf abzielt zu sagen: ,Man kann ins Zeitalter der Modernisierung, der Globalisierung und Produktivität eintreten, ohne sein kulturelles Erbe, traditionelle politische Strukturen sowie allgemeine und besondere Verhaltensmuster, die nicht in die Moderne passen, aufgeben zu müssen.'

Wenn man ihnen aber entgegenhält, dass die Japaner ins neue Zeitalter vorgedrungen sind, gerade weil sie ihre Kultur und ihre vertrauten Verhaltensmuster verändert und neue Ideen angenommen haben, reagieren manche überrascht und abwehrend. [...]

Und jetzt erscheint mit Nobuaki Notohara ein Japaner auf der Bildfläche und vertritt in seinem in hervorragendem Arabisch geschriebenen Buch genau das Gegenteil von dem, was einige Araber so denken. Gleich nach der Lektüre dieses Buches hatte ich den Gedanken, dass es von jedem arabischen Politiker gelesen werden sollte, der meint, dass Reformen in unserer arabischen Region immer noch möglich sind.

Das Zeugnis von Notohara, der beinahe 40 Jahre unter Arabern gelebt hat und sowohl die Kultur der Beduinen als auch das Stadtleben kennt, der arabisch wie ein Araber spricht und der die arabische Literaturszene verfolgt und Einiges ins Japanische übersetzt hat, ist, so weit ich weiß, die erste japanische Abhandlung über die Araber in ihrer eigenen Sprache. [...] Der Autor weist darin auf die offensichtlichen Spannungen in den überfüllten arabischen Städten hin und führt die Spannungen auf der arabischen Straße auf die Unterdrückung zurück. Die Leute liefen durch die Straßen, als ob sie [ständig] verfolgt würden - schweigend und mit starrem Gesichtsausdruck [.]. Sogar im Taxi würden die Menschen unterdrückt, wenn nämlich der Fahrer sich seinen Gast danach aussucht, wohin er selber gerne möchte und es ablehnt, jemanden zu transportieren, dessen Nase ihm nicht passt.

Notohara kommt zu dem Schluss: ,Die Menschen in den großen arabischen Städten sind unglücklich und unzufrieden. Die Leute sind stumm, sie sprechen nicht - aber hinter diesem lähmendes Schweigen kann man einen Aufschrei hören!'

Als Ursache dieser Atmosphäre nennt der japanische Kritiker den Mangel an sozialer Gerechtigkeit und fügt hinzu, dass er berechtigt sei, sich ein Urteil über die Araber zu bilden, nachdem er so lange unter ihnen gelebt hat. Mit der Gerechtigkeit, so Notohara, fehlt eine zentrale Grundlage für das Verhältnis der Menschen untereinander. So hört man in den arabischen Ländern immer wieder, dass ,dort alles möglich ist, weil die existierenden Gesetze nicht angewendet und nicht geachtet werden.' [Hervorhebung durch die Al-Quds-Redaktion] Das Gesetz schütze die Menschen nicht vor Ungerechtigkeit, weil es gebrochen wird - ein Umstand, den Notohara mit vielen Beispielen belegt. Die Unterdrückung, meint er, sei ,die einzige Sache in den arabischen Ländern, deren Existenz man nicht erst beweisen müsse.'

Eine Form der Unterdrückung, die Japaner überrascht, bestehe darin, dass der ?Machthaber? sein ganzes Leben lang herrsche, während die Amtszeit eines japanischen Ministerpräsidenten nicht länger als ein paar Jahre dauert. Außerdem sind in jedem [arabischen] Land hin und wieder Zeitungen verboten und sowohl Bücher als auch Magazine unterliegen der Zensur. Derlei Phänomene erwarten Japaner in der modernen Welt nicht mehr vorzufinden. Notohara: ,Jeder der heute Japan besucht, sieht Lautsprecherwagen in den Straßen, die den Ministerpräsidenten und die Regierungspartei kritisieren, ohne, dass sich ihnen jemand in den Weg stellt. In den arabischen Ländern hingegen sind Macht und Machthaber eins. Fast überall in der arabischen Welt werden der Patriotismus des einzelnen Bürgers und der Respekt, den er genießt, allein auf der Grundlage seiner Loyalität gegenüber dem Herrscher bemessen. All das ist uns modernen Japanern fremd.'

Der Autor ist sich klar darüber, dass Japan früher selbst einer Form der Unterdrückung unterworfen war. Aber die Japaner haben sich davon befreit - und diese Zeit ist Geschichte geworden. Notohara weiter: ,Ich bin der Ansicht, dass die Unterdrückung in den arabischen Ländern eine hartnäckige Krankheit ist. Und deshalb kann kein Autor und kein Wissenschaftler über die arabische Gesellschaft sprechen, ohne die derart offensichtliche Bedeutung der Unterdrückung einzubeziehen.'

Eine Folge der Unterdrückung sei es, dass die Menschen versuchen, ihre Meinungen und ihre Art sich zu kleiden und zu leben anzupassen. Auf diese Weise verschwinden die Unabhängigkeit des Individuums und sein gesellschaftliches Verantwortungsbewusstsein. Unterdrückung erzeugt Angst und geheuchelte Ehrfurcht.

Und weil es keine Gerechtigkeit gibt, fehlt auch das Verantwortungsgefühl gegenüber der Gesellschaft. Und so zerstören die Leute Parkanlagen, öffentliche Trinkbrunnen und Verkehrsmittel in dem Glauben, nicht ihr eigenes, sondern Eigentum der Regierung zu zerstören. Deswegen fehlt es auch an Empathie [.] für politische Gefangene, die sich für die Gesellschaft opferten - im Gegenteil ist es die Gesellschaft, die diese mutigen Menschen fallen lässt. ,In den arabischen Ländern gelten die Probleme politischer Gefangener als private Angelegenheit ihrer Familien!'

Also fragt sich der japanische Autor: ,Ich kann verstehen, wenn das Regime prominente Intellektuelle, Schriftsteller, Politiker, Wissenschaftler und Künstler [bekämpft], aber wieso werden diese auch von der Bevölkerung fallen gelassen? [...]'

Dann vergleicht der Autor erneut Japan mit den arabischen Ländern: ,Die Japaner mussten mit der harten und schwierigen Erfahrung fertig werden, dass das japanische Militär über den Kaiser, die Regierung und die Bevölkerung herrschte und das Land in einen Krieg führte... Aber wir haben diese Fehler erkannt und entschieden sie zu korrigieren. Wir haben das Militär abgesetzt und das wieder aufgebaut, was durch die Unterdrückung des Militärs zerstört wurde... Wir haben gelernt, dass Unterdrückung nationale Ressourcen zerstört, Unschuldige das Leben kostet und zu falscher Regierungspolitik führt.' Und Notohara fügt hinzu: ,Selbstkritik ist für jedes Volk ein wichtiger Wert. Menschen brauchen Kritik, sowohl aus der eigenen Gesellschaft als auch von außen.'

Der Autor beschreibt auch, wie ihn arabische Freunde häufig gefragt hätten: ,Die USA haben euch mit dem Abwurf von Atombomben auf zwei eurer Städte völlig zerstört. Warum hasst ihr Amerika nicht?' Notohara antwortet: 'Wir müssen zu unseren Fehlern stehen. Wir waren ein imperialistisches Land und haben China, Korea und Ozeanien zerstört. Wir müssen Selbstkritik üben und unsere Fehler wiedergutmachen [...] Und was Gefühle angeht, so sind die eine persönliche Sache, auf deren Grundlage die Zukunft nicht errichtet werden sollte.' Im weiteren betont Notohara immer wieder, dass das Problembewusstsein der richtige Weg zur Reform ist. [...]

Und Notohara gibt weitere Beispiele: So erwartet er nicht, dass ihm der Bankangestellte beim Abheben einer bestimmten Summe weniger ausgehändigt als ihm zusteht! Oder dass ihm im Museum von dessen Direktor Altertümer zum Kauf angeboten werden. Das Wertesystem [in den arabischen Gesellschaften], so der Autor, stelle ein großes Problem dar, weil es nicht zu der so sehr gewünschten Weiterentwicklung passe.

Ich habe versucht, Ihnen kurz ein Buch vorzustellen, das jedem, der sehen will, die Augen öffnet. Es enthält zwei Grundaussagen: Japan hat sich von vielen seiner alten Werten getrennt, [...] um in die Moderne anzukommen. Und: Das arabische Wertesystem benötigt eine Erneuerung. [...] Wir alle sollten dieses Buch mit offenen Augen und Herzen lesen."

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