
MEMRI Special Dispatch - 05. Dezember 2002
Ruf nach einem islamischen Protestantismus: Dr. Hashem Aghajaris Rede
Der Geschichtsdozent der Universität von Hamedan, Dr. Hashem Aghajari, wurde im August 2002 verhaftet und am 6. November 2002 zum Tode verurteilt. Anlass für die Verhaftung des Journalisten und aktivem Mitglied der reform-orientierten ,Islamic Revolution's Mujahideen Organization' (IRMO) war eine Rede, die er im Juni zum fünfundzwanzigsten Todestag von Dr. 'Ali Shari'ati, einem der Ideologen der islamischen Revolution, gehalten hatte.
In seiner Rede griff Aghajari auf Ideen von Shari'ati zurück, legte schließlich aber seine eigene Sicht des ,islamischen Protestantismus' und der notwendigen Reformen im Islam dar. In seiner Rede kritisierte er zudem das herrschende religiöse Establishment im Iran.
Nach Aghajari Darstellung habe sich in der islamischen Lehre eine Vermittlungsinstanz von Geistlichen etabliert, die zwischen Gott und den Gläubigen stehe. Die Annahme dieser Instanz widerspreche, so Aghajari, der Natur des Islams, der sich in dieser Hinsicht vom Christentum unterscheide.
Die Geistlichen, die gegenwärtig an der Macht seien, stünden für Konservatismus und Versteinerung, für die Blockierung eines Voranschreitens der Gesellschaft und für die Ausnutzung des Namen Gottes. Zudem seien diese Geistlichen bereit, in bestimmten Fällen den technischen Fortschritt gutzuheißen, beispielsweise wenn es um luxuriöse Autos gehe, während sie diesen ansonsten mit religiösen Argumenten abgelehnen. Diese Geistlichen betrachten sich als über dem Volk stehend, als Heilige. Sie nutzten ihren Status im Regime, um ihr eigenes Überleben und die Erhaltung ihrer Macht zu sichern, wobei sie den Islam und die islamischen Werte korrumpieren.
Aghajari erklärte darüberhinaus, korrupte religiöse Gelehrte würden der iranische Bevölkerung und insbesondere der Jugend den Zugang zum Koran und eine Auseinandersetzung mit ihm verhindern und die Entwicklung unabhängigen Denkens blockieren. Es sei, so Aghajari, ein staatliches Monopol über die Religion errichtet worden. Aber das schlimmste von allem sei, dass die Gelehrten den grundlegenden Kern des schiitischen Islam veränderten, indem sie eine einzige Interpretation der Religion zur Erhaltung ihres Status' etablierten und anderen hochrangigen Geistlichen das Recht verweigerten, religiöse Urteile zu fällen, da diese ,nicht islamisch' seien.
In seiner Rede schlägt Aghajari die Unterscheidung zwischen einem ,Kern-Islam' vor, der das Wichtigste der ursprünglichen islamischen religiösen Vorstellungen beinhalte, und einem ,traditionellen Islam', der verschiedene, über die Jahre durchgesetzte Ergänzungen des ,Kern-Islam' einschließt. Seiner Meinung nach sind diese Ergänzungen schädlich und basieren nicht wirklich auf dem ,Kern-Islam'. Er fügt hinzu, der Islam lasse sich dem Zeitgeist entsprechend interpretieren. Gesellschaftliche Veränderungen lassen danach unweigerlich Veränderungen in der Interpretation islamischer Grundsatzregeln notwendig werden.
Zudem sprach sich Aghajari gegen das ,Prinzip der Nachahmung' im schiitischen Islam (1) aus, weil die Bevölkerung damit den Interpretationen der Geistlichen versklavt bliebe und niemals in die Lage geriete, unabhängiges Denken zu entwickeln. Er forderte eine neue Art des Nachahmens, um die Beziehung zwischen den Geistlichen und der Bevölkerung zu stärken: das neue Modell würde der Beziehung zwischen einem Lehrer und einem Schüler entsprechen, in der der Schüler schließlich unabhängig wird, statt einer Beziehung zwischen einem Meister und einem Sklaven, die auf Imitation beruht.
Darüber hinaus erklärte Aghajari, ein grundlegender Teil des ,Kern-Islam' sei der ,islamische Humanismus', der Männern und Frauen ebenso wie Muslimen und Nicht-Muslimen gleiche Rechte gewähre und das Recht aller respektiere.
Grundlage dieses islamischen Humanismus seien die Prinzipien der Menschenrechte, nach denen jede Person - selbst politische Dissidenten - als menschliches Wesen behandelt werde. Das gegenwärtige Regime hingegen verletze die Menschenrechte politischer Aktivisten, besonders durch die Verwendung von Folter.
Der Text der Rede ist in englischer Übersetzung unter www.memri.de zu lesen.
(1) Nach dem Prinzip des Taqlid, dem ,Prinzip der Nachahmung' teilt sich die Gesellschaft in zwei Gruppen. Die erste Gruppe ist auf einen extrem kleinen Kreis beschränkt, den Maraje Taqlid oder ,Quellen der Nachahmung', die durch verschiedene Mudjtahids mit Rang eines Ayatollah Ozma (Groß-Ayatollah) repräsentiert werden. Diese Mudjtahids haben das Recht des Idjtihad (Auslegung). Jeder von ihnen kann unabhängige religiöse Urteile abgeben, die
von ihren jeweiligen Anhängern für gültig erachtet werden. Die zweite Gruppe derjenigen, die ,nachahmen', sind die Gläubigen. Schiitische Muslime orientieren sich an verschiedenen Maraje Taqlid und folgen ihren Regeln. In der Praxis begünstigt das Recht des Idjtihad bzw. das Recht, Fatwas zu erlassen, und das Prinzip der Nachahmung die enge Bindung der Anhänger an den religiösen Führer. In der Geschichte des schiitischen Islam hatten verschiedene religiöse Interpretationen unterschiedlicher Ayatollah, deren Urteile offizielle gleichrangig sind, nebeneinander bestanden.
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