MEMRI Special Dispatch - 17. November 2004

Kritik an europäischer Migrationspolitik und anti-arabischem Rassismus

Anlässlich der in vielen Staaten Europs gegenwärtig geführten Debatten um Integration und arabisch-islamische Parallelgesellschaften veröffentlichte die in London erscheinende Zeitung Al-Hayat eine Reihe von arabischen Sichtweisen auf die Situation von Arabern und Muslimen in Deutschland und Europa (s. unser Dispatch vom 16.11.2004). Der folgende Kommentar von Musa Al-Khamisi aus Rom greift dabei die soziale Marginalisierung der Immigranten und ihr, so der Autor, vor allem von rechten Parteien noch befördertes schlechtes Image in den europäischen Gesellschaften auf. Der Artikel erschien in Al-Hayat am 13.11.2004:

"Sie träumen vom ´europäischen Paradies´, doch ihr Los ist der Rassismus [.]"

"In der jüngeren Vergangenheit verschärften die europäischen Staaten ihre Maßnahmen gegen eine weitere Zunahme der Immigration aus allen Teilen der Welt. Eine offizielle Position der arabischen Staaten zur Gewalt und dem Hass, der der arabischen Community entgegenschlägt, steht demgegenüber noch aus.

Obwohl die europäischen Regierungen schon seit Jahren zu härteren Maßnahmen gegen die Einwanderung übergegangen waren, folgten auf die Wahl rechter Regierungen [.] noch weitere Verschärfungen. Diese Regierungen ermutigten die Rassisten in ihren Ländern zur Feindseligkeit, so dass sich erstmals seit Ende des Zweiten Weltkrieges wieder ein rassistischer Diskurs etablieren konnte.

Im Allgemeinen begegnen die Europäer nun den ankommenden Zuwanderern weniger offen. So zeigte eine kürzlich in Italien durchgeführte Umfrage, dass 56% der Befragten wünschten, den Einwanderern, die von 24 % als Bürger zweiter Klasse betrachtet werden, [schärfere] Bedingungen aufzuerlegen.

Für das europäische ´Paradies´ ist die Mehrzahl der arabischen Emigranten bereit, sich zu erniedrigen. Sie kommen an Bord von ´Todesschiffen´, arbeiten in bescheidenen Jobs als Tellerwäscher und Gebäude- oder Straßenreiniger. Und selbst wenn sie höhere Bildungsabschlüsse besitzen, erlaubt das Leben in Europa es den Immigranten nicht, ihr soziales Niveau zu verbessern. Überdies haftet am Bild der Araber und Muslime im Westen der Makel des Terrorismus.

Die Zahl der arabischen Einwanderer, die legal in den Ländern der europäischen Union leben, beträgt fast fünf Millionen. Das gleicht der Zahl der in Europa lebenden Türken. Europa weiß, dass es die jungen Einwanderer und ihre Produktivkraft dringend zur ´Erneuerung´ seiner immer älter werdenden Bevölkerungen benötigt. Dies wird von den Chefs der großen Industriebetriebe in Italien, Spanien und Holland bestätigt, die mehr Einwanderer fordern. Auch die Bevölkerungsexperten halten diese Einwanderung für notwendig zur Verjüngung Europas. Nur die öffentliche Meinung in Europa tut sich immer noch schwer damit, die Einwanderer zu integrieren.

Seit Beginn der 70er Jahre war Europa der Kontinent, der die meisten Einwanderer aufnahm. Ihre Anzahl überstieg die Zahl derjenigen, die Europa verließen. Die Neuankömmlinge orientierten sich dabei nicht allein in Richtung der reichen Länder wie Deutschland, Frankreich und Holland, sondern ließen sich auch in den südlichen Ländern des Kontinents (Italien, Spanien, Portugal und Griechenland) nieder, die kurz zuvor selbst noch eine wesentliche Quelle von Arbeitskraft für die Nachbarländer gewesen waren"

"Die braune Gefahr kommt von innen. und ´bedroht´ die Zivilisation der Weißen!"

"Als Folge von Veränderungen, die sich negativ auf die Lage der Einwanderer auswirkten, spitzten sich die Probleme zu. Zu ihnen gehörten rassistische Haltungen, die von zahlreichen politischen Parteien noch bestärkt wurden. Die Abneigung und Ablehnung des ´eingedrungenen Anderen´ setzte sich durch und die rechten Parteien begannen, ihre Agenda in der Politik zu etablieren. Sie stellten die Neuankömmlinge als Eindringlinge dar, die gekommen seien, um ihre Zivilisation zu zerstören und die braune [Haut]farbe an die Stelle der charakteristischen weißen zu stellen. [Insgesamt] ist das Bild des Westens von den Arabern und Muslimen ´abstoßend´. Und die Medien, die von der jüdischen Lobby kontrolliert werden, zögern ebenso wenig wie die Schriften vieler Orientalisten, die Araber des Terrors, des Fanatismus, der Rückständigkeit sowie einer Unfähigkeit zu bezichtigen, ins Zeitalter der Moderne einzutreten.

In den meisten europäischen Gesellschaften wird heute die Notwendigkeit der Integration und der Anpassung an die neuen Realitäten diskutiert. Allerdings unternehmen die Araber [selbst] keine Anstrengungen, um zu zeigen, dass sie nicht am Rande der Gesellschaft leben. Die meisten von ihnen erkennen nicht, welchen Eindruck ihre Isolation und Widerspenstigkeit in der Gastgesellschaft hinterlassen - einmal abgesehen von vielen moderaten Arabern, die in Vereinen, Clubs und anderen Einrichtung ein Gleichgewicht zwischen ihrer arabischen Zugehörigkeit und der Bindung an die neue Umgebung bewahren.

Die arabischen Einwanderer, die in den letzten Jahren kamen, ließen sich in größeren Gruppen in ärmeren Stadtteilen und Randbezirken außerhalb des Stadtzentrums nieder. Aufgrund des materiellen Druckes sind [ihre] Kinder und Frauen gezwungen, Schulen und Wohnungen zu verlassen, um zu arbeiten. Es entstehen Probleme, die mit dem Sinken des Bildungsniveaus verbunden sind. Die Mehrzahl dieser Menschen hat sich von ihrer Muttersprache, von ihrem Denken, ihren Werten und ihrer Kultur entfremdet. Die Kinder dieser Einwanderer lösten sich von den Traditionen ihrer Väter und verpassten die Gelegenheit, Arabisch zu lernen. So können die meisten der in Europa geborenen arabischen Jugendlichen nicht Arabisch lesen und schreiben. Sie vermeiden es sogar, in der Öffentlichkeit in ihrer Sprache zu reden, um jede negative Auswirkung wegen ihrer ´unerwünschten´ arabischen Zugehörigkeit zu umgehen. [Vor diesem Hintergrund] sucht die Jugend Anschluss in obskuren Banden, um sich selbst zu schützen.

Die Mütter und Väter aber, die die Sprache des Gastlandes nicht sprechen, verstehen ihre Kinder nicht, die der Kultur ihrer Väter nicht mehr angehören. Hinzu kommen ihr Gefühl, fremd zu sein und die rassistische Diskriminierung, was zu immensen psychologischen Problemen führt.

Die derzeit in den europäischen Staaten stattfindende Kampagne gegen die arabischen Einwanderer, die von den rechten Parteien gefördert wird, tendiert dazu, offen gewaltätig zu werden. Bei der Arbeit, auf der Straße und auf dem Markt erlebt die Gruppe [der arabischen Einwanderer], wie sie ständig Verdächtigungen und Vorwürfen ausgesetzt ist! Die von den Medien unterstützten rassistischen Kräfte haben es geschafft, dass die Araber [insgesamt] mit dem Terrorismus in Verbindung gebracht werden. Die arabischen Arbeiter - insbesondere die nicht legal beschäftigten - sind mit allen möglichen Formen wirtschaftlicher, sozialer, psychologischer und politischer Willkür bis hin zur kollektiven Vertreibung von Arbeitsplätzen und aus Wohnungen konfrontiert.

Die [arabischen] Einwohner sahen sich strengsten Maßnahmen ausgesetzt und viele von ihnen wurden in Untersuchungshaft gezwungen. Die europäischen Regierungen gewährten sich selbst größere Freiräume, um Verhaftungen durchführen zu können und beschnitten die Bürgerrechte der Festgenommenen mit der Begründung, mögliche Komplizen des Terrors ausfindig machen zu wollen. In den vergangenen zwei Jahren geriet angesichts dessen eine Politik ins Hintertreffen, die darauf zielt, Einwanderern - insbesondere den Arabern - mehr gesellschaftliche Rechte zu gewähren."

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