
MEMRI Special Dispatch - 21. Juli 2004
Deutschland, Jacques Chirac und die arabische WeltIn den arabischen Medien spielte das Verhältnis zwischen Europa und der arabischen Welt zuletzt sowohl im Zuge der Reformdebatten als auch im Rahmen der Ablehnung des Irakkrieges eine große Rolle. Oft wird darin deutlich, wie Europa - und hier insbesondere Deutschland und Frankreich - als Gegengewicht zur US-Politik im Mittleren Osten betrachtet wird. So betont auch der Beitrag von Muhammad Ibrahim aus der palästinensischen Tageszeitung Al-Ayyam die Motive Deutschlands für eine "andere" Politik in der Region. Unter anderem nennt er die große Zahl der in Deutschland lebenden Muslime und geht dabei auch auf das Problem des Schul- und Religionsunterrichts ein. Ganz anders argumentiert Jum´at al-Lami in der Zeitung Al-Khaleej (VAE): Anlässlich des Besuchs des französischen Außenministers bei Arafat und des Skandals um die Frau, die behauptet hatte, in der Pariser U-Bahn von arabischen Migranten überfallen worden zu sein, ruft er zur Solidarität der arabischen Politik mit Jacques Chirac und gegen "die Lügen von Juden" auf. Im Folgenden dokumentieren wir beide Texte:
"Deutschlands Suche nach einer anderen Beziehung zur arabisch-islamischen Welt"
"Im Rahmen des neuen Programms ´Dialog zwischen dem Islam und dem Westen´ lud das deutsche Außenministerium kürzlich über das Goethe-Institut eine Gruppe von Intellektuellen und Journalisten aus der arabisch-islamischen Welt ein. Die Verantwortlichen und Intellektuellen auf deutscher Seite bekundeten ihren Wunsch nach dem Ausbau ausgewogener Beziehungen zwischen Deutschland und der arabisch-islamischen Welt - offenbar ein Versuch, sich von jenem Weg abzugrenzen, den die USA in dieser Hinsicht verfolgen. Schließlich beruht dieser auf grober Einmischung in die inneren Angelegenheiten der arabisch-islamischen Staaten und führte in den vergangenen drei Jahren zu zwei zerstörerischen Kriege gegen zwei muslimische Staaten. Mittlerweile wird die Möglichkeit weiterer Angriffe angedeutet, es werden Forderungen nach Veränderung des Unterrichtswesen erhoben und anderes mehr.
Deutschland jedoch leugnete seine Ängste vor dem extremistischen Islam oder bewaffneten Gruppen, die unter islamischen Namen operieren, nicht. Ursache dafür sind die blutigen Anschläge, die diese Gruppen durchführten oder mit denen sie in Europa drohten - insbesondere die Anschläge auf die Züge in Spanien, die hunderte Unschuldiger das Leben kosteten. Einer der deutschen Verantwortlichen erklärte während der Veranstaltung, dass es [derzeit] Ermittlungen in 150 bis 200 Fälle von vermuteten oder geplanten Terrorakten in Deutschland gäbe. Und weil der Fanatismus sich immer durch Blindheit auszeichne, falle es ihm schwer, zu differenzieren. Deshalb führten die Anschläge in Europa dazu, dass die Täter weltweit verurteilt wurden.
Die europäischen Völker, die von diesen Anschlägen getroffen oder von ihnen bedroht wurden, verheimlichen ihre Sorge über die jegliche Vernunft entbehrende Politik der amerikanischen Regierung nicht. Sie veranstalteten immer wieder Demonstrationen gegen den amerikanischen Krieg im Irak und gegen die israelische Besatzungspolitik in den palästinensischen Gebieten.
Es gibt noch andere Ursachen dafür, dass sich Deutschland besonders um andere [als die amerikanischen] Beziehungen zur arabisch-islamischen Welt bemüht. Das hängt damit zusammen, dass es in Deutschland eine große islamische Gemeinde mit mehr als drei Millionen Muslimen gibt, von denen zwei Millionen türkischer Herkunft sind. Aktive Mitglieder der islamischen Gemeinde in Deutschland meinen, dass sich die Kluft zwischen ihnen und der deutschen [Mehrheits-] Gesellschaft seit den Anschlägen vom 11. 9. sowie den darauf folgenden Ermittlungen über aktive [extremistische] Zellen und mögliche Anschläge in Deutschland vergrößert habe. Viele von ihnen berichten, dass sich manche deutsche Familien bei der Polizei nach den bestehenden Sicherheits- und Schutzvorkehrungen erkundigt hätten, damit ihre Kinder [auch] in Bezirken draußen spielen könnten, in denen es eine Moschee und eine islamische Gemeinde gebe. Das gilt besonders in der Hauptstadt Berlin.
Dem muslimischen deutschen Intellektuellen Murad Hoffman zufolge [1], gibt es in Deutschland 2250 Moscheen, die - neben dem Gebet - [vor allem] der religiösen Unterweisung der Kinder in den muslimischen Gemeinden dienen. Und die islamischen Gemeinden seien selbst besorgt darüber, dass die Religionslehrer in diesen Moscheen nicht für diese Tätigkeit qualifiziert sind. Der großen Mehrheit der islamistischen Aktivisten wurde es in ihren Ländern zu eng und sie suchten Zuflucht in Europa und ihr Denken ist meist von Fanatismus und Hetze gegen die westlichen Gesellschaften geprägt. Ihr Aufruf zum Engagement ist Ausdruck ihrer Erstarrung und ihrer Distanz zur modernen Zivilisation und ihren Institutionen. Außerdem lehnen sie den Dialog mit anderen Völkern ab - was den Lehren des Islam widerspricht.
Obwohl die deutsche Regierung die von der islamischen Gemeinde in Deutschland gegründeten Zentren genügend unterstützt, finden diese Zentren meist keine Lehrkräfte aus dem islamischen Kulturkreis, die geeignet wären, die Kinder zu unterrichten, weil es zu wenig genügend Qualifizierte unter ihnen gibt. Die aktiven Araber in Berlin beklagen, dass die angestellten Lehrer, die größtenteils keine höhere Bildung genossen haben, sich [im Unterricht] auf alte und zweifelhafte Texte stützen, um ihren Kindern die Kultur ihrer Religion beizubringen. [Außerdem beklagten sie,] dass sie [seitens der Lehrer] feindselige Äußerungen zur deutschen Gesellschaft zu hören bekamen und dies [auch] den Behörden zu Ohren gekommen sei, die sich darüber besorgt zeigten."
[´Das Leben in Deutschland ist für Muslime unerträglich geworden´]
"Die Ereignisse der letzten paar Jahre haben die Spannungen zwischen den Deutschen und den islamischen Gemeinden merklich ansteigen lassen - besonders in den Bezirken mit hohem Anteil an muslimischer Bevölkerung. So bedauert ein junger Türke, Betreiber eines Berliner Internet- und Telefoncafes, den von ihm so genannten deutschen Türkenhass: ´Das Leben hier ist unerträglich geworden. Die Deutschen können uns nicht leiden. Wir fühlen uns in dieser Gesellschaft sehr fremd. Wenn ich genug Geld zusammen habe, kehre ich auf jeden Fall zurück in meine Heimat.´ Doch die Chance, dass dieser und andere junge Männer größere Summen ansparen und in ihr Land zurückzukehren können ist gering. Deutschland leidet unter einer Wirtschaftskrise, die sich hauptsächlich im Anstieg der Arbeitslosenquote auf vier Millionen und einer wachsenden Inflation äußert.
Im Allgemeinen sehen sich die Muslime in Deutschland mit dem Problem konfrontiert, das sich den ausländischen Gemeinden in allen (verschiedenen) Ländern stellt, nämlich die Frage der Identität. Einige wenige von ihnen meinen, es bedürfe der völligen Integration in die deutsche Gesellschaft, um dieses Problem zu lösen. Die Mehrheit indes besteht auf [ihrer] Besonderheit als [gesellschaftliche] Gruppe. Deshalb gründeten sie Zentren, in denen sie sich versammeln und ernsthaft um den Erhalt ihrer Sitten und Traditionen kümmern können. So hat einerseits die Integration den Preis, die eigene Persönlichkeit und Identität aufgeben [zu müssen]. Auf der anderen Seite hat auch die Besonderheit ihren Preis, über den sich [ja] viele beklagen.
Viele muslimische Familien in Deutschland sprechen von einer echten Krise, in der sie hinsichtlich der arabisch-islamischen Erziehung ihrer Söhne und Töchter - besonders der Töchter - in einer offenen Gesellschaft stecken. So gibt es etwa in den Schulen gemischtgeschlechtlichen Schwimmunterricht und Klassenfahrten, auf denen die Schüler beider Geschlechter mehrere Tage lang weg von zu Hause sind. Die Muslime sind dabei mit einer doppelten Krise konfrontiert: Wenn sie den Mädchen die Teilnahme an diesen Veranstaltungen verbieten, erleben diese das als Isolierung und Zerrissenheit. [Aber] wenn sie es ihnen gestatten, werden [die Eltern] dies als noch größere und heftigere Krise empfinden.
Doch weil dieses Land eine lange Tradition der Reform, des Wandels und der Aufklärung hat, gibt es zum einen Bemühungen um die Verbesserung der Beziehung zu den muslimischen Gemeinden im Innern. Zum anderen sollen andere bessere [andere] Beziehungen zu den arabisch-islamischen Ländern aufgebaut werden. So meinte der Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz, dass er aufgrund der langen Erfahrung des Landes optimistisch sei, was die Lösung des Problems der islamischen Gemeinden in Deutschland angehe: ´Deutschland ist das Land der Reformen, das Land Martin Luthers, das Land, das einen 30 Jahre andauernden Religionskrieg zwischen Katholiken und Protestanten erlebte, als Politik und Religion noch eine Einheit bildeten. Doch diese Kriege brachten uns zu der einzig möglichen Schlussfolgerung: zur Trennung von Religion und Staat.´ Er fügte hinzu: ´Es gibt heute mehr als drei Millionen Muslime bei uns. Wir müssen mit ihnen zusammen leben und die Religion zur persönlichen und individuellen Angelegenheit machen. Darauf arbeiten wir hin.´
Der Intellektuelle Murad Hoffmann sieht eine echte Chance, diese Ziele zu erreichen. Er stützt sich dabei auf die [historische] Besonderheit Deutschlands, das anders als die anderen westlichen Staaten keine koloniale Geschichte im arabischen Raum gehabt habe. Daraus resultierte, so Hoffmann, ein anderer Orientalismus, dessen Ziel wissenschaftliche Erkenntnis gewesen sei." (Al-Ayyam, 15. Juli 2004)
[1] Murad Wilfried Hoffmann arbeitete 33 Jahre im diplomatischen Dienst, zuletzt als deutscher Botschafter in Algerien und Marokko. Er konvertierte 1980 zum Islam und veröffentlichte seither zahlreiche Aufsätze und Bücher über interkulturelle und -religiöse Themen. Als zum Islam konvertierter deutscher Politiker und Intellektueller genießt er in der arabischen Welt und ihren Medien großes Ansehen.
"Solidarisiert Euch mit Chirac"
"Der französische Präsident Jacques Chirac ist ein sensibler Mann, wenn es um die Verletzung der französischen kulturellen und ethischen Traditionen geht. Deshalb opponierte er als Amerika sich in der Irakfrage über Europa hinwegsetzte. Während des NATO-Gipfels in Istanbul sagte Chirac: ´Wir sind Verbündete Amerikas, nicht seine Knechte.´ Viele Araber waren sehr erfreut über Chiracs Äußerung, denn sie sehen in den Worten des französischen Präsidenten einen Ersatz dafür, was wir in unseren Hauptstädten vermissen. Denn dort wagt es niemand, so etwas auch nur gegenüber dem Leiter einer kleinen Unterbehörde im amerikanischen Außenministerium zu äußern.
Als Präsident Chirac den ´Überfall´ [vom 11. Juli 2004], bei dem eine jüdische Frau [1] in einem Pariser Zug körperlich angegriffen worden war, als ´schändlich´ bezeichnete und [erklärte], er kenne kein ´Pardon´ für irgendeinen Gefängnisinsassen, der wegen eines ´rassistischen Verbrechens´ verurteilt sei [2], da sagten wir in unseren arabischen Hauptstädten: Er hat Recht, dieser kultivierte Präsident. Denn der Rassismus hat keine Nationalität. Er gehört auf die Anklagebank und muss an jedem Ort unserer Welt verurteilt worden.
Unsere Überzeugung sahen wir leichtgewichtigen Araber weiter bestärkt, als Präsident Chirac seinen Außenminister zu einem Treffen mit Präsident Arafat in dessen präsidiales ´Gefängnis´ schickte. Wir riefen: Oh Abu Amar [Arafat], sei wie ein Berg, der sich von keinem Wind erschüttern lässt! Dieser Chirac vertritt mit seinem Besuch bei Dir die meisten politischen Führer und verkündete in aller Öffentlichkeit: Oh Abu Amar, wer im Besuch eines französischen Ministers in Ramallah nicht eine Ehrenbezeugung [im Namen] aller politischen Führer erkennen will, der soll aus dem Toten Meer trinken!
Mehr noch: Die Wohlmeinenden unter den Väter der Araber brachten ihren Kindern die Marseillaise bei und trichterten ihnen die Bedeutung des 14. Juli, des französischen Nationalfeiertages, weil Chirac etwas tat, was kein einziger arabischer Führer fertig gebracht hat!
Heute aber [.] sieht sich Präsident Chirac dem Betrug dieser jüdischen französischen Frau ausgesetzt. Sie hatte bei der Polizei sechs Männer maghrebinischen d.h. arabischen Aussehens angezeigt, die sie im Waggon eines Pariser Vorortzuges angegriffen, ihr ein Hakenkreuz auf den Bauch geschmiert und ihr Kind aus dem Wagen geworfen hätten! Dann wurde aber klar, dass diese Frau ihre Anschuldigungen erfunden hatte, wie die französische Polizei bestätigte. Sie verhaftete die Frau und deckte auf, dass sie früher schon falsche Anklagen erhoben hatte, denen zufolge sie bereits mehrfach Opfer von Angriffen arabischer Immigranten gewesen sei. Die französische Polizei stellte fest, dass sich die jüdische Frau mit ihrem ´Geliebten´ verbündet hatte und beide diese ´abgründige´ Tat mit dem Ziel geplant hatten, die Araber zu diffamieren.
[Es wäre wünschenswert], dass alle arabischen Führer - als Einzelpersonen und über die Arabische Liga - Briefe an Monsieur Chirac schicken, in denen sie ihm erklären: ´In unseren Herzen sind wir bei Dir, wenn Du Dich den Dummheiten und dem Betrug durch die Lügen von Juden gegenüber siehst!´" (Al-Khaleej, 15. Juli 2004)
[1] Späteren Zeitungsberichten zufolge war die Frau nicht jüdisch.
[2] Chirac hatte erklärt, dass die zum Nationalfeiertag traditionell erlassene Amnestie, der in diesem Jahr im Zeichen des Kampfes gegen Rassismus und Antisemitismus stand, sich nicht auf Straftaten mit rassistischem Hintergrund beziehen soll.
******************************************
Die Ansichten der zitierten Autoren geben nicht die Meinung von MEMRI wieder. Kopien der zitierten Artikel und Dokumente sind auf Nachfrage erhältlich.
Um sich aus der Mailingliste abzumelden, schicken Sie uns bitte eine kurze Nachricht an memri@memri.de
THE MIDDLE EAST MEDIA RESEARCH INSTITUTE (MEMRI) Linienstr. 115, 10115 Berlin
Tel.: +49-30-97893872/3968, Fax: +49 (030) 97893975 eMail: memri@memri.de , URL: www.memri.de
© Copyright by The Middle East Media Research Institute (MEMRI) - memri.de. Alle Rechte vorbehalten.

|